Es ist verwirrend. Wenn es um Ur- und Frühgeschichte geht, tauchen sie auf:
Bandkeramik, Schnurkeramik, Kugelamphorenkultur, Trichterbecher, Glockenbecher und mehr. Hier der Versuch, ein bisschen Licht ins Dunkel zu bringen.

Die Namen wie Glockenbecherkultur klingen so, als handle es sich um klar voneinander getrennte Völker. Doch genau das waren sie nicht.

Was wir aus der Vor- und Frühgeschichte haben, sind nur wenige Spuren: Gräber, Hausreste, Werkzeuge – und vor allem Keramik. Töpfe, Schalen, Becher. Mehr bleibt uns meist nicht. Deshalb sortiert die Archäologie Menschen nicht nach Eigennamen, sondern nach dem, was sie hinterlassen haben. Wenn viele Fundstellen ähnliche Gefäße zeigen, spricht man von einer „Kultur“. Diese Kulturen sind keine Völker, keine Nationen, keine festen Identitäten. Sie sind Ordnungssysteme der Forschung.

Keramik ist dabei besonders wichtig, weil sie:

  • lange erhalten bleibt,
  • regional typische Formen hat,
  • und sich im Laufe der Zeit verändert.

Doch hinter jeder Keramik stehen Menschen, und deren Geschichte ist komplizierter als jede Schublade.


Von der neolithischen Revolution nach Europa

Quelle: Von Teomancimit – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

Der eigentliche Umbruch begann nicht in Europa, sondern im Vorderen Orient am Göbekli Tepe. Dort entwickelten Menschen vor über 10.000 Jahren Ackerbau und Viehzucht – die sogenannte neolithische Revolution. Pflanzen wurden gezielt angebaut, Tiere domestiziert, Vorräte angelegt. Das Leben wurde sesshafter.

Bis diese neue Lebensweise Mitteleuropa erreichte, vergingen jedoch Jahrtausende.

In dem Gebiet, das wir heute Deutschland nennen, lebten lange Zeit noch nomadische Jäger und Sammler. Sie jagten Wild, sammelten Pflanzen, zogen saisonal umher. Keramik spielten für sie kaum eine Rolle. Ihr Alltag hinterließ nur wenige Spuren im Boden.

Das änderte sich erst mit den ersten Keramikern.


Die ersten Bauern: die Bandkeramiker (ca. 4900 – 4500 v.Chr.)

Von Willow – Eigenes Werk, CC BY 2.5, Link

Mit der sogenannten Bandkeramik beginnt in Mitteleuropa die Jungsteinzeit.

Diese Menschen:

  • wanderten aus südöstlichen Regionen ein,
  • brachten Ackerbau und Viehzucht mit,
  • errichteten feste Dörfer mit langen Holzhäusern,
  • stellten Keramik mit eingeritzten Linienmustern her.

Hier handelt es sich tatsächlich um neu zugewanderte Gruppen. Sie unterschieden sich genetisch und kulturell deutlich von den vorherigen Jägern und Sammlern. Dennoch verschwanden die alten Bewohner nicht einfach. Es kam zu Kontakten, Austausch und vermutlich auch zu Vermischungen.

Mit den Bandkeramikern begann ein neues Kapitel: sesshaftes Leben, Vorratshaltung, Felder, Tiere – und Keramik als selbstverständlicher Bestandteil des Alltags.

Die Jungfernhöhle bei Tiefenellern nahe Bamberg in der Fränkischen Schweiz

Eine Bandkeramiker-Siedlung wurde beispielsweise nahe Bamberg bei der Jungfernhöhle nachgewiesen – der Mutter aller Opferhöhlen. Die Bandkeramiker wurden gar eine Zeit lang verdächtigt, Kannibalen gewesen zu sein. Vergleiche: Kannibalismus in der Fränkischen Schweiz?

Weitere Fundorte:

  • Langweiler 8 (NRW) – großes, gut erforschtes Dorf mit Langhäusern
  • Nitra (Slowakei) – einer der östlichen Schlüsselorte
  • Eilsleben (Sachsen-Anhalt) – frühe Bandkeramik im mitteldeutschen Raum

Wandel und Vielfalt: neue Keramik, neue Lebensweisen

Nach den Bandkeramikern blieb die Welt nicht stehen. In den folgenden Jahrtausenden entstanden zahlreiche weitere Kulturen. Manche entwickelten sich aus bestehenden Gruppen, andere entstanden durch Zuwanderung oder durch neue Ideen, die sich verbreiteten.

Stichbandkeramik (ca. 4900 – 4500 v.Chr.) und Rössener Kultur (ca. 4600 – 4300 v.Chr.)

Sie knüpfen an die Bandkeramik an, verändern aber Dekore, Hausformen und Siedlungsweisen. Die Muster der Stichbandkeramik wurden nicht eingeritzt, sondern eingestochen. Die Keramik der Rössener Kultur war hingegen massiver und weniger filigran. Bei diesen Strömungen handelt es sich vor allem um Weiterentwicklungen, nicht um völlig neue Bevölkerungen.

Fundorte Stichbandkeramik

  • Hienheim (Bayern) – Referenzfundort
  • Plaußig (Sachsen) – wichtige Siedlungsbefunde
  • Dresden-Nickern – Übergang Band- zu Stichbandkeramik

Fundorte Rössener Kultur:

  • Schöningen (Niedersachsen) – gute Stratigraphie
  • Rössen (Sachsen-Anhalt) – Namensfundort
  • Deiringsen-Ruploh (NRW) – große Siedlung

Michelsberger Kultur – 4400–3500 v. Chr.

In dieser Zeit vermischten sich Nachfahren von Bandkeramikern mit kleinen Zuwanderergruppen. In dieser Zeit entstanden neue Ideen. So wurden bevorzugt große Erdwerke und befestigte Siedlungen auf Höhen errichtet. Auffällig ist der Mangel an klassischen Gräbern – ein Hinweis darauf, dass sich auch der Umgang mit den Toten veränderte. Die Keramik war eher dickwandig, schlicht und funktional. Benannt wurde die Kultur nach einer großen Höhensiedlung auf dem Michelsberg bei Untergrombach, Baden Württemberg. Weitere Siedlungen lassen sich in Hofheim / Taunus nachweisen. Nachweislich wurde das Sonnenobservatorium Goseck von den Bandkeramikern errichtet, aber von den Michelsbergern weiter genutzt.

Fundorte:

  • Michelsberg bei Untergrombach (BW) – Namensort
  • Kapellenberg (Hessen) – riesiger Zentral- und Ritualplatz
  • Achenheim (Elsass) – Schlüsselplatz zur Entstehung

Trichterbecherkultur 4200–2800 v. Chr.

In der Trichterbecherkultur vermischten sich Nachfahren der Bandkeramiker mit lokalen Jäger- und Sammler-Gruppen in Nordeuropa. Anders als in Süd- und Mitteleuropa setzte sich im Norden die lebendweise mit Ackerbau und Viehzucht zunächst nicht durch. Das änderte sich erst um 4200 v. Chr – mehr als tausend Jahre nach den Bandkeramikern. Benannt ist die Strömung nach großen Gefäße mit trichterförmigem Rand. Diese Zeit ist geprägt von monumentalen Gräbern aus Stein – ein deutlicher Hinweis auf einen stark ritualisierten Ahnenkult.

Fundorte:

  • Albersdorf / Dithmarschen (SH) – Megalithgräberlandschaft
  • Oldendorf (Niedersachsen) – Siedlung & Gräber
  • Sarup (Dänemark) – große Erdwerke, Kultplatz

Kugelamphorenkultur ca. 3400–2800 v. Chr.

Benannt nach bauchigen Gefäßen. Diese Menschen lebten stärker von Viehzucht. Besonders auffällig sind Tierbestattungen, vor allem von Rindern, die klar rituellen Charakter haben. Hier zeigt sich, dass Keramik oft mit anderen Glaubensvorstellungen verbunden ist. Vermutlich handelt es sich um eine Mischkultur aus neu eingewanderten Gruppen, die sich mit der lokalen Bevölkerung vermischt haben.

Fundorte:

  • Waltersdorf (Brandenburg) – Tieropfer (Rinderbestattung)
  • Koszyce (Polen) – spektakuläres Massengrab
  • Zauschwitz (Sachsen) – Siedlungs- und Ritualfunde

Merksatz:

Wenn sich nur die Töpfe ändern → wahrscheinlich Stilwandel.
Wenn sich Häuser, Gräber, Waffen und Gene ändern → neue Menschen beteiligt.

Ein großer Umbruch: Schnurkeramiker und Glockenbecher

Von Einsamer Schütze – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

Mit den Schnurkeramikern vollzieht sich ein deutlicher Einschnitt: ein Übergang vom Spätneolithikum zur Bronzezeit.

Ihre Welt war:

  • mobiler,
  • stärker auf Viehhaltung ausgerichtet,
  • geprägt von Einzelgräbern,
  • mit Waffen als Statussymbolen.

Schnurkeramiker – 2800–2300 v. Chr.

Hier ist klar belegt, dass neue Menschen aus östlichen Steppengebieten nach Mitteleuropa kamen. Sie brachten neue genetische Linien, vermutlich auch neue Sprachen und Sozialstrukturen mit. Dennoch ersetzten sie die vorhandene Bevölkerung nicht vollständig – es kam erneut zu Vermischungen.

Fundorte:

  • Eulau (Sachsen-Anhalt) – Familiengräber, DNA-Belege
  • Esperstedt (Sachsen-Anhalt) – großes Gräberfeld
  • Złota (Polen) – östlicher Schlüsselraum

Glockenbecherkultur ca. 2500–2200 v. Chr.

Kurz darauf erscheint die Glockenbecherkultur, deren charakteristische Becher sich über weite Teile Europas verbreiten. Sie steht für ein Netzwerk aus Kontakten, Wanderungen und kulturellem Austausch und leitet den Übergang zur Bronzezeit ein.

Fundorte:

  • Le Petit-Chasseur (Schweiz) – Elitegräber
  • Singen am Hohentwiel (BW) – süddeutscher Schwerpunkt
  • Ciempozuelos (Spanien) – klassischer Westeuropaplatz

Bronzezeit und Eisenzeit: keine neuen „Keramiker“, aber neue Ordnungen

Mit der Bronzezeit verändern sich die Bezeichnungen. Keramik bleibt wichtig, doch nun treten Metallverarbeitung, Fernhandel und soziale Hierarchien stärker in den Vordergrund.

Aunjetitzer Kultur: ca. 2200–1600 v. Chr.

Die Kultur aus der frühen Bronzezeit ging aus der Glockenbecher- und der Schnurkeramikkultur hervor. Sie zeichnete sich aus durch monumentale Grabhügel und Fernhandel. Aus dieser Zeit stammt die Himmelsscheibe von Nebra.

Fundorte:

  • Leubingen (Thüringen) – Fürstengrabhügel
  • Helmsdorf (Sachsen-Anhalt) – Elitebestattung
  • Nebra (Sachsen-Anhalt) – Himmelsscheibe-Fundregion

Urnenfelderkultur: ca. 1300–800 v. Chr.

Die Wallanlage am Donaudurchbruch bei Kloster Weltenburg geht auf die Urnenfelderzeit zurück.

Sie verbreiteten eine neue Bestattungssitte mit Brandbestattungen – ein europaweites Phänomen.

Fundorte:

  • Kelheim (Bayern) – große Urnenfelder am Donaudurchbruch
  • Stillfried an der March (AT) – befestigte Höhensiedlung
  • Czerników (Polen) – östliche Ausbreitung

Hallstatt- und Latènezeit

Die Kelten läuteten die frühe Eisenzeit ein – mit Fürstengräbern, Städten und ausgeprägten Machtstrukturen. Parallel dazu entwickelten sich die Germanen.

Fundorte Hallstattkultur ca. 800–450 v. Chr.

  • Hallstatt (Österreich) – Salz, Namensort
  • Heuneburg (BW) – frühstädtisches Zentrum
  • Hochdorf (BW) – berühmtes Fürstengrab

Funde Latènezeit (keltisch) – ca. 450–0 v. Chr.

  • Manching (Bayern) – großes Oppidum
  • Titelberg (Luxemburg) – politisches Zentrum
  • Bibracte (Frankreich) – spätkeltische Hauptstadt

Auch hier gilt: es handelt sich nicht um klare Völker, sondern sich wandelnde Gesellschaften.


Am Ende bleibt dieses Bild

Die Menschen der Vor- und Frühgeschichte:

  • zogen um,
  • nahmen Neues an,
  • gaben Altes auf,
  • vermischten sich,
  • und passten sich ihrer Umwelt an.

Keramik war dabei nicht bloß Gebrauchsgegenstand, sondern Ausdruck von Lebensweise, Glauben und sozialer Ordnung. Die Namen der „Keramiker“ helfen uns, diesen langen Prozess zu strukturieren – mehr nicht.


Überblick: archäologische Kulturen und Zeitangaben

  • Bandkeramik: ca. 5500–4900 v. Chr.
  • Stichbandkeramik: ca. 4900–4500 v. Chr.
  • Rössener Kultur: ca. 4600–4300 v. Chr.
  • Michelsberger Kultur: ca. 4400–3500 v. Chr.
  • Trichterbecherkultur: ca. 4200–2800 v. Chr.
  • Kugelamphorenkultur: ca. 3400–2800 v. Chr.
  • Schnurkeramik: ca. 2800–2300 v. Chr.
  • Glockenbecherkultur: ca. 2500–2200 v. Chr.
  • Aunjetitzer Kultur: ca. 2200–1600 v. Chr.
  • Urnenfelderkultur: ca. 1300–800 v. Chr.
  • Hallstattzeit: ca. 800–450 v. Chr.
  • Latènezeit: ca. 450–0 v. Chr.