von Viola Schwarzbach

Es gibt Orte, die verschwinden – und mit ihnen ein Stück Landschaftsseele. Der Druidenstein bei Cadolzburg am Rand des Dillenbergs war ein solcher Ort. Seit 1890 ist er unwiederbringlich verloren.

Wie sah der Druidenstein aus?

Bis zum Jahr 1890 stand am Rand des Dillenbergs dieser etwa vier Meter hohe, weiß schimmernde Felsblock aus Burgsandstein, dessen Oberfläche eine muldenartige Vertiefung trug und der schon im 18. Jahrhundert als landschaftliche Merkwürdigkeit beschrieben wurde. Johann Gottfried Köppel schilderte ihn 1795 als von einer salpeterartigen Kruste überzogen und „ganz weiß“, was ihm inmitten des Waldes eine beinahe unwirkliche Erscheinung verliehen haben muss.

War er eine Kultstätte?

Ob er jemals eine kultische Bedeutung hatte, lässt sich weder archäologisch noch schriftlich belegen; vieles spricht dafür, dass seine Form und die Vertiefung natürliche Ergebnisse von Verwitterung waren. Dennoch knüpften sich Sagen an ihn, und selbst eine wissenschaftliche Kommission hielt seine Erhaltung wegen dieser Überlieferungen für wünschenswert.

Die Sage wollte wissen, dass der Fels den Druiden als Opferaltar gedient habe. Horizontale Löcher im Gestein galten als „Schalllöcher“, durch die Orakelsprüche verkündet worden seien. Selbst der unten vorbeifließende Farrenbach wurde mit Opferstieren in Verbindung gebracht. Und wie so oft verwandelte sich der Begriff „Druiden“ im Volksmund zu „Druden“ – Hexen, die angeblich um den Stein tanzten. Noch im 18. Jahrhundert wagten es manche nicht, ihn zu betreten. Ob Kultstätte oder nicht – der Stein war Projektionsfläche für das kollektive Gedächtnis einer Landschaft.

Dass er dennoch 1890 abgebrochen wurde, erscheint mir heute ähnlich schmerzlich wie der Verlust des ursprünglichen Neandertals, dessen Schlucht durch den Kalkabbau unwiederbringlich verschwand. In beiden Fällen ging nicht nur ein Fels oder eine Landschaftsform verloren, sondern ein einzigartiger Ort, der über Jahrtausende gewachsen war und Identität stiftete.

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Heute steht nur noch ein Gedenkstein

Am Standort des Druidensteins erinnert heute nur noch ein Gedenkstein an das einstige Naturdenkmal. Dort werden bis heute kleine Opfergaben wie Steine und Zapfen niedergelegt – stille Zeichen dafür, dass der Ort im Bewusstsein der Menschen weiterlebt, auch wenn der Fels selbst nicht mehr existiert.

Ein „wahrer Lost Place“

Der Druidenstein ist heute vollständig verschwunden. Und genau das macht ihn zu einem „wahren Lost Place“ – einem Ort, der nicht nur verlassen, sondern ausgelöscht wurde. Ähnlich wie das ursprüngliche Neandertal, das durch den Kalkabbau seine berühmte Schlucht verlor, verschwand hier ein geologisches und landschaftliches Einzelstück. Man kann es nicht rekonstruieren. Man kann es nicht nacherleben. Es existiert nur noch in Zeichnungen, Beschreibungen und Erzählungen.

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