Syrien 2011

Ein Reisebericht aus Syrien zu Beginn der Unruhen im März 2011

Im März 2011 standen die zeichen in Syrien auf Revolution. Das weiß ich aus eigener Erfahrung.Mit ein paar Freunden hatte ich schon im Dezember 2010 geplant, eine Rundreise durch Syrien zu machen. Ich spreche etwas arabisch und war schon mehrmals allein und problemlos durch das Land gereist. Diesmal sollte alles etwas anders kommen.

Reise absagen?

Wir wollten an einem Mittwoch fahren. Im Vorfeld hatte es in Damaskus ein paar kleinere Demonstrationen gegeben, aber nichts größeres. Am Freitag den 18.03. gibg es dann aber zur Sache. Entsetzt verfolgten wir zu Hause Bilder von Al-Jazira und Youtube-Videos, die zeigten, wie eine Demonstration vor der Omayyadenmoschee gewaltsam aufgelöst wurde. Geheimdienstler drangen in die Moschee ein und versuchten, Demeonstranten dort zu verhaften. In einer Moschee. Wir bekamen Angst und überlegten uns, die Reise zu verschieben. Im Laufe der nächsten Tage passierte aber nichts nennenswertes mehr in Syrien. Schließlich beschlossen wir alle einhellig, doch zu fahren und im schlimmsten Fall eher abzureisen (schließlich hatten wir uns alle sehr auf den Urlaub gefreut und die Reise auch bezahlt….). Wir beschlossen, besonders vorsichtig sein, Gebetszeiten meiden und vor allem an den Freitagen sichere Orte aufsuchen.

Damaskus

Tags drauf wurden wir am Flughafen von Damaskus von einem Taxifahrer abgeholt. Die Athmosphäre war etwas gespenstisch – der Taxifahrer drängte uns, schnell einzusteigen. Seltsame Gestalten schlichen herum, ich hörte die arabischen Worte „da drüben ist er….“ ich war froh, als wir auf der Autobahn waren un d in unserem Hotel ankamen.

Das Orient Gate Hotel war sehr schön: recht günstig und zentral gelegen im Suq Saruja, etwa 10 Fußminuten vom Suq al-Hamidiyye entfernt. An diesem ersten Tag entdeckten wir Damaskus. Wir waren vorsichtig – wir vermieden die Gebetszeiten und hielten uns an eher in den christlichen Vierteln der Altstadt auf. Ich liebe die Altstadt von Damaskus mit seinen verwinkelten Gassen und den tollen Innenhöfen, in denen sich – liebevoll restauriert – zahlreiche Hotels und Cafes verbergen.

In den nächsten Tagen besuchten wir zahlreiche Sehenswürdigkeiten – wir fuhren auf den Berg Qasioun und genossen die Aussicht, wir bestaunten die Pracht des Azm-Palast in der Altstadt und standen voller Erfurcht in der Omayyadenmoschee.

Freitag – Palmyra

Am Freitag verließen wir Damaskus. Wir hatten für die Reise einen Minibus mit Fahrer angeheuert, denn keiner von uns traute sich, selbst zu fahren. Der syrische Straßenverkehr ist doch etwas – gewöhnungsbedürftig. Das war wohl eine gute Entscheidung. Bereits am Morgen beim Aufbrechen sahen wir die ersten Demonstrationen. Diese waren zwar eher für den Präsidenten,aber trotzdem. Die Gefahr drohte von den Demonstrationen gegen bashar al-Assad. Denn es war zu erwarten, dass die syrische Polizei, geheimdienst und Armee hart gegen diese vorgehen würde. Wir hatten keine Lust, zwischen die Fronten zu geraten und eventuell peinlich befragt zu werden: Wo seid ihr her? Seid ihr Journalisten? Seid ihr westliche Geheimdienstler? Dem Hunger nach Sehenswürdigkeiten zum Trotz – syrische Gefängnisse wollten wir nicht besichtigen. Deswegen machten wir uns auf nach Palmyra. Die Oase liegt etwa drei Stunen fahrzeit von Damaskus entfernt mitten in der syrischen Wüste. Palmyra – das heutige Tadmur – ist bekannt für seine prachtvollen römischen Ruinen und für seine Grabtürme aus byzantinischer Zeit. Als wir ankamen, wurden wir begrüßt – von einer Demonstration. Diese stellt sich nach einer kurzen Schrecksekunde als Pr-Regierungs-Demonstration heraus. Zahlreiche Mofas und einige Autos fuhren den ganzen Tag über kreuz und quer durch die Stadt und um die archäologischen Stätten herum und hupten und lobten Bashar al-Assad. Wir genossen den Tag, erforschten die römischen Ruinen und den prachtvollen vorrömischen Baaltempel. Den Sonenuntergang genossen wir von den Mauern der Burg Palmyras. Diese thront auf einem Berg oberhalb von Palmyra.

Als wir müde im Hotel ankamen, sahen wir Nachrichten. Es war gut, dass wir nicht in Damaskus gewesen waren – es hatte einige Demonstrationen gegeben.

Das Drama – Lattakia

Am nächsten Tag brachen wir auf nach Lattakia. Dort hatten wir ein Ferienhaus gemietet. Auf der Mittelmeerautobahn zwischen Tartus und Lattakia fielen uns einige Krankenwagen auf, die dort geparkt waren. Je näher wir der Stadt kanmen, desto mehr schwarz gekleidete Sicherheitskräfte mit Maschinengewehren fielen uns auf. Uns wurde etwas mulmig. Als wir von der Autobahn abbogen, steckten wir fest – in einer Demonstraion schreiender freudestrahlender Menschen mit Gewehren. Die Plakate von Bashar al-Assad hochhielten. Puuuuh. Es war eine Erleichterung. Wir wurden ignoriert und konnten unseren Weg bald fortsetzen. Wir fuhren quer durch die Stadt und kamen schließlich an der Cote Azur Syriens an. Etwas außerhalb gelegen befindet sich die Blaue Küste. Dort liegen zahlreiche Hotels und Ferienhäuser. Wir hatten unser Ziel erreicht. Kaum waren wir da, erhielten wir einen Anruf von Bekannten aus Damaskus: „Verschwindet so schnell wie möglich aus Lattakia! Jemand hat von den Hausdächern auf Demonstranten geschossen!“ Das trug nicht unbedingt zu unserer Beruhigung bei. Nachdem wir aber außerhalb der Stadt in einem Ferienhaus waren, das bewacht wurde, fühlten wir uns an Ort und Stelle doch relativ sicher. Wir baten einen der Aufpasser, uns etwas zu essen zu organisieren. Das klappte allerdings nicht: alle Läden und Imbissbuden waren wegen den Unruhen geschlossen. Immerhin erhielten wir einige Packen Servietten und ein paar Wasserflaschen aus heimischen Vorräten. Wir hatten uns in Damaskus mit Keksen und Arrak – dem arabischen Anisschnaps – eingedeckt und so mussten diese Vorräte eben dran glauben. Der Arrak half ganz gut dabei, die Weltuntergangsstimmung zu ertragen und so gelang es uns, trotz allem etwas abzuschalten.

Der Strand

Nachdem Lattakia uns nicht mehr sicher erschien, reisten wir am nächsten Tag nach Kassab. Das Städtchen ist ein beliebtes syrisches Feriendomizil. Wir mieteten eine riesige Villa zu einem Spottpreis – denn im März war noch nicht die Reisesaison. Dementsprechend misstrauisch wurden wir von den Einheimischen beäugt. Auch hier war es schwer, Vorräte zu bekommen – vor allem Brot war knapp. Gut, dass wir am Nachmittag reichlich in einem einfachen Restaurant inmitten einer Orangenplantage gegessen hatten – und zwar arabische Pizza aus dem Steinofen. Lecker!
Am nächsten Tag besuchten wir einen zauberhaften Strand. Dieser liegt gut versteckt in einer Buchtganz in der Nähe der Türkei und erfordert etwa 20 Minuten extrem-rutschen. Denn der Weg hinab ist extrem steil und voller Kullersteine. Doch runter kommen alle – so auch wir. Wir genossen den Tag am Strand und es gelang uns, komplett für ein paar Stunden abzuschalten. Das Wasser war zugegeben etwas frisch – und nur unsere härtesten Männer wagten den Sprung in das kalte Nass. Als wir die Kletterpartie nach oben überstanden hatten, aßen wir gemütlich zu mittag – um anschließend wieder aufzubrechen.

Saladinsburg

Unser Ziel war die Saladinsburg. Um dorthin zu gelangen, blieben wir auf kleinen Sträßchen und genossen die grandiose Landschaft des syrischen Küstengebirges. Hier wachsen zahlreiche kleinen Kiefernwäldchen und schon allein dieFahrt war sehr spannend und schön.

Das Highlight war aber die Saladinsburg selbst. Die Burg liegt auf einem Hügel im Küstengebirge. Sie wurde von den Kreuzfahrern errichtet. Diese scheuten keine Mühen, um die Burg wirklich sicher zu machen. Denn die Kreuzfahrer schlugen einen 18 Meter breiten und 28 Meter tiefen Graben mit 150 Metern Länge in das Gestein, um auch die relativ ungeschützte Nordseite gut abzusichern. Stehen ließen sie nur eine Felsnadel, über die sie die Zugbrücke legten. Doch die Mühen sollten sich nicht auszahlen – dem großen Saladin gelang es doch, die Burg einzunehmen.

Straßensperren

So schön der Besuch bei der Saladinsburg war – der Rückweg sollte uns einiges an Nerven kosten. Unser nächstes Ziel war die Kreuzritterburg Krak des Chevaliers. Um dorthin zu gelangen, mussten wir zurück auf die Küstenautobahn – und somit in Richtugn Lattakia fahren. Denn sonst hätten wir durch Orte reisen müssen, in denen mit Problemen zu rechnen war.
Etwa fünf Kilometer von der Saladinsburg entfernt gerieten wir in einem Dorf in eine Straßensperre. Im Nu waren wir von etwa 20 – gefühlt 50 – Männern, ausgestattet mit Schrotflinten und Machinengewehren – umringt. Überhaupt war das ganze Dorf auf den Beinen – ich sah viele Frauen und Kinder, die uns neugierig beäugten. Ich hegte die Hoffnung, dasss wir wohl nicht erschossen würden, wenn Frauen und Kinder anwesend waren. Aber ich machte mir Sorgen um unser gepäck und unser geld. Was, wenn sie einen Wegezoll fordern würden?
Die Männer wollten unsere Ausweispapiere sehen. Geistesgegenwärtig fing unser Fahrer an, auf schnellem Arabisch zu rufen:“Mein Gott, was haben wir uns verfahren. Wo geht es denn zum Krak des Chevaliers?“ Wir wurden relativ schnell als harmlose Touristen eingestuft. Die Männer waren durchaus freundlich und wiesen uns den Weg. Es handelte sich um die Bürgerwehr des Dorfes. Sie hatten sich zusammengeschlossen, weil sie selbst Angst hatten.
Nach einer weiteren Straßensperre mit glücklichem Ausgang waren wir bald wieder auf der Autobahn und schließlich in der Nähe des Krak des Chevaliers. Aber unser Hotel fanden wir nicht. Mittlerweile war die Sonne untergegangen. Um uns zu orientieren, blieben wir auf einem dunklen Parkplatz in der Nähe eines Hotels stehen. Plötzlich kamen mehrere Männer aus dem Hotel gelaufen und umringten unser Auto. Unser Fahrer rief wieder“Wo ist denn das Hotel Baibars?“ Die Männer beruhigten sich schnell und wiesen uns den weg. Zusätzlich riefen sie im Hotel an, um unsere Ankunft anzukündigen.

Entspannung am Krak des Chevaliers

Schließlich erreichten wir unser Hotel – und es folgte die wohl entspannteste zeit der Reise. Wir saßen am nächsten Morge lange auf der Aussichtsterasse und genossen den unvergleichlichen Blick auf den Krak. Am Nachmittag besichtigten wir die Burg und erkletterten all die steinernen Mauern, Türme und Wälle. Wir gönnten uns ein leckeres Abendessen – und waren fast traurig, als wir am nächsten Tag wieder zum Flughafen nach Damaskus fahren mussten. Wir reisten an einem Freitag ab. Und erlebten noch einmal eine dicke Überraschung: der Grünstreifen der Flughafenautobahn wurde als Ausflugsziel und Piknik-Location genutzt! Überall hatten Syrer Tische und Stühle angeschleppt und saßen gemütlich zusammen. Sie aßen, tranken Wasserpfeife und sahen den Kindern beim Spielen zu. So etwas hatte ich vom unruhegeschüttelten Syrien nicht erwartet. Ich nehme es als Hoffnungszeichen, dass die Syrer noch immer die Möglichkeit haben, unbeeindruckt von den politischen Problemen ihr Leben zu genießen. Ich wünsche es ihnen von Herzen.

Hintergrund

Was ist eigentlich los in Syrien? Der Konflikt in Syrien ist nicht einfach zu durchschauen. Der Schlüssel liegt in einem totalitären Regime und in der Vielzahl der Bevölkerungsgruppen Syriens. Der Präsident bashar al-Assad gehört der alavitischen Minderheit an. Dabei handelt es sich um eine islamisch geprägte Geheimreligion. Diese wird von den meisten gläubigen Sunniten jedoch nicht als richtigislamisch anerkannt. Die Bevölkerungsmehrheit Syriens gehört aber dem Sunnitentum an. Diese werden also von einem totalitären Herrscher regiert, den sie – schon allein aus religiösen Gründen – nicht anerkennen wollen.
In Syrien gibt es aber noch zahlreiche anderen religiösen Gruppierungen: zum Beispiel verschiedene christliche Konfessionen und auch Drusen, eine weitere islamisch geprägte Geheimreligion. Drusen und Christen fühlen sich von den sunnitischen Moslems bedroht und stehen so traditionsgemäß eher auf Seiten des Regimes, das ihnen Sicherheit verspricht.
Die Opposition gegen die Regierung ist bunt gemischt – es gibt verschiedenste Gruppierungen: beispielsweise Liberale, Linke, streng religiöse Sunniten und die Muslimbrüder. Auch die Kurden, die besonders im Norden Syriens leben, sollte man nicht vergessen. Diese Vielzahl an Oppositionsgruppen sind alle gegen die Regierung, kämpfen aber nicht unbedingt zusammen. Auch die freie syrische Armee vereint nur einen Teil der opositionellen Kräfte.
Die Lage in Syrien ist so sehr schwierig und eine schnelle Lösung ist nicht in Sicht. Denn auch wenn der Präsident bashar al-Assad stürzen sollte – was wird dann passieren? Wer kommt an die Macht? Ich hoffe, dass in Syrien bald Ruhe einkehrt und dass möglichst wenige Menschen dabei sterben müssen. Aber ich fürchte, dass sich das nicht so einfach umsetzen lässt und dass Syrien weiterhin schwere Zeiten erleben wird.