Haremsdamen im Islam

Harem – damit verbinden wir im Westen oft leichtbekleidete Haremsdamen, die sich den ganzen Tag auf Ottomanen oder im arabischen Bad räkeln und darauf warten, dass der Herr und Gebieter zur Orgie erscheint. Vielleicht denken wir auch an 1001 Nacht mit der verführerischen Scheherezade. Die Wahrheit sah natürlich ganz anders aus.

Was bedeutet Harem im Islam?

Harem kommt von Haram – was verboten bedeutet. Auch die heiligen Bezirke in Mekka und Medina als Haram bezeichnet – sie sind verboten für Nicht-Muslime. Ein Harem war aber auch der von der Außenwelt abgeschirmte und oft bewachte Bereich, in dem die weiblichen Angehörigen eines Mannes oder auch einer ganzen Familie untergebracht waren. Als Harem werden aber auch die weiblichen Angehörigen bezeichnet, die in einem solchen wohnen.

Der Harem der Sultane und Kalifen

Wer wohnte im Harem?

Herrscher wie Harun al-Raschid oder Süleyman der Prächtige hatten einen riesigen Harem mit mehreren hundert Sklavinnen und vier Hauptfrauen. Beim Kalifen Mutawakkil sollen es 4000 Frauen gewesen sein. Dort wohnten ebenfalls weitere weibliche Angehörige zum Beispiel geschiedene (weibliche) Verwandte sowie die Eunuchen. Im osmanischen Reich war der oberste Eunuch zum Beispiel eine wichtige Persönlichkeit.
Bei den Hauptfrauen handelte es sich um „freie“ Frauen, die aus politischen Gründen geheiratet wurden – zum Beispiel, um ein Bündnis einzugehen. Sklavinnen und Eunuchen waren keine Muslime, da das Versklaven von Muslimen sowie die Verstümmelung von muslimischen Jungen im Islam streng verboten ist. In der Praxis wurde das allerdings nicht so genaugenommen.
Die meisten Harems hoher Würdenträger und reicher Männer waren viel bescheidener als die der Herrscher. So mancher hatte nur eine Frau – aber dennoch konnte der Ort, in dem sie wohnte, als Harem bezeichnet werden (dazu später mehr).

Wie lebten die Haremssklavinnen?

Bei mehreren hundert Haremssklavinnen hatte der Herrscher die Qual der Wahl. Orgien fanden in Harems jedoch nicht statt. Oft hatte der Harembesitzer einige wenige Favoritinnen, die er regelmäßig aufsuchte. Diese bekamen ein eigenes Zimmer und hatten Bedienstete zu ihrer Verfügung. Grundsätzlich bedeutete ein Leben im Harem ein von der Außenwelt abgeschnittenes Dasein hinter hohen Mauern. Viele Frauen konnten den Harem überhaupt nicht verlassen, andere bekamen immerhin die Erlaubnis, Verwandte zu versuchen – meist allerdings nur in männlicher Begleitung und tief verschleiert. Es gab keinerlei Privatsphäre – jeder wusste sofort, mit wem der Sultan oder Kalif die Nacht verbracht hatte. Häufig erlebten die Favoritinnen auch Anfeindungen. Zusätzlich herrschte eine strenge Hierarchie im Harem. An höchster Stelle stand in der Regel die Mutter des Sultans, gefolgt von der Mutter des Thronfolgers.

Wer konnte Mutter des Thronfolgers werden?

Zur Zeit der Omayyaden durften nur legitime Kinder der offiziellen Ehefrauen Thronfolger werden. Zur Zeit der Abbassiden waren es in der Regel die Kinder der Favoritinnen, die später den Thron bestiegen. Um die eigene Macht zu sichern, zettelte so manche Haremssklavin blutige Komplotte an und schreckte auch vor Giftmord nicht zurück. Es ist überliefert, dass sich viele Herrscher aus gutem Grund in ihrem Harem alles andere als sicher fühlten.

Was schätzten die Kalifen und Sultane an ihren Haremssklavinnen am meisten?

Mindestens genauso wichtig wie Aussehen und Verführungskünste waren für die Kalifen und Sultane die Kenntnisse der Sklavinnen. Von einer schwarzen Sklavin von Harun ar-Raschid wurde überliefert, dass sie sich hervorragend mit Kalligraphie, Astronomie, Mathematik, Dichtkunst, Musik, Konversation und vielem mehr auskannte. Jede gebildete Frau musste sich zu seiner Zeit an ihr messen. Grundsätzlich hatten es Sklavinnen im Harem von Harun ar-Raschid leichter mit Arabisch als Muttersprache – denn gewitzte Konversation galt als Grundtugend und die erfolgte natürlich auf arabisch. Bei den Osmanen war dann dementsprechend die türkische Sprache das Maß aller Dinge. Kein Wunder also, dass auch Scheherezade als gebildete und intelligente Frau beschrieben wird.

Welche Rolle spielten die vier legitimen Ehefrauen?

Die legitimen Ehefrauen fristeten ein Schattendasein im Harem der Mächtigen. In der Regel erhielten sie keine so gute Ausbildung wie die Sklavinnen – sie wurden lediglich dazu erzogen, keusch zu sein. Für die Herrscher waren sie deswegen viel langweiliger als die aufregenden Gespielinnen. Grundsätzlich traten die Herrscher mit dem Harem allerdings islamische Prinzipien mit Füßen, denn die Ehe hat im Islam einen besonders hohen Stellenwert.

Das Leben in einem bürgerliche Harem

Die wenigsten Normalsterblichen konnten sich einen großen Harem leisten. Oft wohnten darin lediglich bis zu vier Frauen und ihre Bediensteten. Eunuchen waren teuer – auch, weil viele Jungen die Prozedur der Beschneidung nicht überlebten. Die Gemeinsamkeit zum Harem der Herrscher bestand darin, dass die Frauen auch im bürgerlichen Harem eingesperrt waren und sich nicht frei bewegen durften.

In bürgerlichen Häusern lebten oft mehrere Familien unter einem Dach. Die Großfamilie war ein Ideal. Während die Töchter durch Heirat vom Harem des Vaters zum Harem des Ehemannes wechselten, blieb so mancher Sohn zu Hause wohnen. Die Schwägerinnen lebten so oft in einem gemeinsamen Bereich. Eine Sonderstellung hatten dabei die Mütter inne sowie die ersten Frauen (soweit mehrere Frauen vorhanden waren). Die erste Frau des Ältesten Sohnes hatte Vorrang vor der ersten Frau des Zweitgeborenen und konnte zum Beispiel Hausarbeiten verweigern.

Viele muslimische Männer nahmen ihre Pflichten als Ehemann sehr genau und verteilten ihre Zuneigung gleichmäßig auf alle Frauen. Das heißt, er verbrachte jede Nacht bei der Frau, die jeweils an der Reihe war. Bei vier Frauen verbrachte er also nur jede vierte Nacht bei derselben Frau.

Im Harem lebten auch Töchter, Schwestern und Tanten, für die entweder kein Mann gefunden wurde und die von ihren Männern verstoßen worden waren. Deren Kinder blieben oft im Harem des Mannes. Diese mussten sich oft in Zurückhalting üben, durften kein Make Up auflegen und nur unscheinbare Kleidung tragen. Die Großfamilie und der Harem waren für diese Frauen die einzige soziale Absicherung.

Der Harem heute

In Ländern wie Dubai oder Qatar haben Frauen zwar offiziell die gleichen Rechte wie Männer. In der Realität sind sie in ihrer Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt, weil in der Gesellschaft noch immer das traditionelle islamische Frauenbild dominiert. So verlassen viele Frauen das Haus nicht ohne männliche Begleitung – zum Beispiel von pakistanischen oder indischen Hausangestellten oder auch in Begleitung ihrer minderjährigen Söhne. Um arbeiten zu dürfen, ist die Erlaubnis des Vaters oder des Ehemannes notwendig. Frauen, die allein unterwegs sind und vergewaltigt werden, droht Auspeitschung oder Steinigung – wegen Unzucht, einem schwerwiegenden Vergehen im Islam. Auch eine Vergewaltigung ist ein Verbrechen im Islam. Im Orient herrscht jedoch ein starker Ehrbegriff, demzufolge die Frau Trägerin der Familienehre ist. Ihre Tugend und Keuschheit ist das Maß aller Dinge und zählt mehr als ihr eigenes Befinden. Dieser Ehrbegriff hat mit dem Islam nichts zu tun, wird aber in der modernen Rechtsprechung einiger Länder bei der Urteilsfindung von den nahezu ausschließlich männlichen Richtern berücksichtigt. Deswegen kommen Vergewaltiger oft straffrei davon.

In Saudi Arabien gibt ein Autofahrverbot für Frauen. In den Golfstaaten ist außerdem Polygamie durchaus verbreitet – reiche Familie haben deswegen teilweise mehrere Häuser oder auch Wohnungen, in denen die Ehefrauen mit ihren Kindern getrennt voneinder untergebracht sind und sich so niemals sehen müssen. Der Harem als Gefängnis für Frauen übt in diesen Ländern also noch immer seine ursprüngliche Funktion aus.

Quellen:

Die Bücher von Fatima Mernissi über Frauen im Islam